Nach Auffassung des TANTRA ( = religiöse Philosophie nach der die göttliche Mutter die Urkraft, die letzte Wirklichkeit ist) ist die letzte Wirklichkeit

CHIT ( = Bewusstsein) das identisch ist mit

SAT ( = Sein) und

ANANDA ( = Seligkeit).

Diese letzte Wirklichkeit SATCHIDÄNANDA ( = Sat Chit Ananda) ist die gleiche, die in den VEDEN ( = heilige Schriften der Hindus) verkündet wird.

Der Mensch ist mit dieser Wirklichkeit eins, aber unter dem Einfluss der MÄYÄ ( = Nichterkenntnis) hat er sein wahres Wesen vergessen. Er hält die Scheinwelt von Subjekt und Objekt (Dualismus) für wirklich und dieser Irrtum schafft seine Anhaftung und sein Leben. Das Ziel aller spirituellen Übungen ist die Wiederentdeckung seiner wahren Identität mit der göttlichen Wirklichkeit.

Zur Erlangung dieses Zieles schreibt der VEDÄNTA ( = Quintessenz der VEDEN als philosophisches System) die Anwendung schärfsten Unterscheidungsvermögens und Entsagung vor, was nur von wenigen durchgehalten werden kann, die scharfe Intelligenz und unerschütterliche Willenskraft besitzen.

Tantra

TANTRA dagegen zieht die menschlichen Schwächen in Betracht, ihren Appetit auf Sinnesobjekte und ihre Liebe für das Konkrete. Er vereinigt Philosophie mit Ritual, Meditation mit Zeremonie, Entsagung mit Genuss. Sie alle haben den Zweck, den Strebenden allmählich darauf vorzubereiten, über seine Einheit mit dem Letzten meditieren zu können.

Der Durchschnittsmensch will die materiellen Objekte genießen. TANTRA lässt ihm den Genuss, führt ihn aber dazu, auch darin die Gegenwart Gottes zu entdecken. Durch mystische Riten werden die Sinnesobjekte spiritualisiert und die Sinneskraft in Liebe zu Gott umgewandelt. Die Bindungen des Menschen werden so zu »Befreiern«. Das tödliche Gift wird in ein Lebenselixier umgewandelt. Äußere Entsagung ist nicht notwendig. Das Ziel des TANTRA ist, BHOGA ( = Genuss, Sinnesvergnügen) in YOGA ( = Vereinigung der individuellen Seele mit der universalen Seele. Auch die Methode, durch die diese Vereinigung erreicht wird.) oder Vereinigung mit dem absoluten Bewusstsein zu verwandeln. Nach Auffassung dieser Philosophie ist die Welt mit all ihren Manifestationen nichts anderes als das Spiel von SHIVA ( = dritte Gestalt der Hindu-Trinität; Gott der Zerstörung) und SHAKTI ( = Kraft, Schöpfungskraft von BRAHMANS ( = das Absolute, das Höchste, Wirklichkeit der VEDÄNTA) bzw. auch ein Name der göttlichen Mutter), dem Absoluten und seiner unergründlichen Kraft.

Ramakrishna: Das Vermächtnis, die Botschaft eines der größten indischen Weisheitslehrer der Neuzeit; O.W. Barth Verlag, Frankfurt/Main 2003; ISBN 3-502-61155-6

Ramakrishna Paramahamsa (* 18. Februar 1836 in Kamarpukur, Bengalen; † 16. August 1886 in Kolkata) war ein bedeutender hinduistischer Mystiker. Paramahamsa ist ein religiöser Ehrentitel im Hinduismus.

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